Zeitzeuge Helmut Arnold: Erinnerungen an die Schulzeit nach Kriegsende

Abschlussklasse der Sturmiusschule vor der Baracke in der Frankfurter Straße 1949/50. Der Schüler Helmut Arnold sitzt auf der Treppe rechts außen. © Foto privat

In diesem Blog-Beitrag berichtet Helmut Arnold über die Wiedereröffnung der Schulen 1945 und teilt seine persönlichen Erinnerungen an den Schulalltag in der Nachkriegszeit. Das Gespräch wurde am 4. September 2020 geführt, das im Folgenden sinngemäß wiedergegeben wird. 

Von Antonia Hohmann, Praktikantin am Vonderau Museum

Zur Person

Helmut Arnold wurde 1938 in Fulda geboren. Als Schüler besuchte er vier Schulen in Fulda, die Adolf-von-Dalberg-Schule, die Sturmiusschule, das Domgymnasium und die Schule am Neuenberg. Nach seiner Schulzeit hat er eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann absolviert und durchlief von 1958 bis 1966 die Grundausbildung beim Bundesgrenzschutz. Anschließend arbeitete er 40 Jahre lang am Versorgungsamt in Fulda.

Die Einschulung

Eigentlich hätte die Einschulung Ostern 1945 stattgefunden, aber durch den Einmarsch der Amerikaner stand das ganze öffentliche Leben still. Im Herbst öffneten allmählich wieder die Schulen und zur Weihnachtszeit hieß es dann: „Ich muss in die Schule“. Am 15. Januar 1946 fand mitten im Winter die Einschulung statt. Die Eltern, hauptsächlich die Mütter, da sich die Väter in Gefangenschaft befanden, vermisst waren oder im Krieg gefallen waren, begleiteten die Kinder. „Einige Schüler hatten Zuckertüten dabei, ich nicht, aber da war ich bei Weitem nicht der Einzige“.

Die Adolf-von-Dalberg-Schule (nach Kriegsende „Stadtschule 1“ bis 26.08.1946)

Der Klassenraum war an der Stelle, wo sich heute der Eingangsbereich des Vonderau Museums befindet. Es war ein großer Raum, in dessen Mitte sich ein eiserner Ofen befand. Die Kinder sollten Kohle und Briketts von zu Hause mitbringen. Der Ofen wurde manchmal so befeuert, dass das Rohr rot glühte. Es gab aber auch Tage, an denen nicht genügend Holz da war, dann wurde es sehr kalt im Klassenraum. In der Klasse waren ungefähr 60 Jungen, die vom „Lehrer Utzko“ unterrichtet wurden. Nebenan gab es einen etwa gleich großen Raum, in dem die Mädchen von „Fräulein Mai“ unterrichtet wurden.

Jeden Morgen gab es das gleiche Ritual: Der Lehrer kam morgens herein, schlug das Klassenbuch auf und ging die Namen in alphabetischer Reihenfolge durch. Jeder, der aufgerufen wurde, musste „hier“ rufen, fehlte jemand, war es Aufgabe des Lehrers herauszufinden, wo er blieb. In dem Klassenraum standen lange Tische mit Bänken. Sollte ein Schüler nach vorne an die Tafel gehen, so musste er über die anderen herübersteigen. Auf einer Schulbank saßen fünf bis sechs Kinder nebeneinander. Der Schulhof war der Innenhof des Gebäudes, der heutige Museumshof.

Die Schulspeisung

Nicht gleich 1946, sondern nach ungefähr einem halben Jahr gab es die Schulspeisung (Hintergrund: Die Schulspeisung setzte im Mai 1947 in der Stadt und im Landkreis Fulda ein. Im Durchschnitt nahmen daran rund 1200 Kinder teil. Im März 1948 nur noch 700 Kinder). Dafür mussten alle Schüler einen Topf und Besteck mitbringen, die außen am Schulranzen befestigt wurden und auf dem Schulweg immer laut klapperte. In jeder großen Pause gegen 10 Uhr – die Schüler haben in „Reih und Glied“ auf dem Schulhof gewartet – verteilten einige Frauen das Essen. Aus großen Töpfen wurde mit der Kelle Suppe geschöpft. Es gab Erbsensuppe, Linsensuppe, also immer braune oder graue Suppen, die überhaupt nicht schmeckten. Manchmal gab es anstatt der Suppe eine Tafel Schokolade, die natürlich etwas ganz Besonderes war. Einmal wurde nur eine Tube verteilt, die auf Englisch beschriftet war – es kam schließlich alles aus den amerikanischen Beständen und wurde gespendet – jedoch konnte niemand Englisch und somit auch nicht übersetzen. Es gab auch keine Erklärung durch die Frauen, die das Essen verteilten. Der Inhalt der Tube schmeckte überhaupt nicht, aber manche Kinder aßen sie komplett auf. Später stellte sich heraus, dass es Zahnpasta war.

Schulkinder bei einer Schneeballschlacht hinter der Sturmiusschule im Januar 1950 © Foto privat

Die Sturmiusschule

Nach zwei Schuljahren hieß es dann: „Es gibt eine Sturmiusschule, wir, die Schüler, die im Südend wohnten, kommen dorthin.“ Das Schulgebäude war barackenähnlich, länglich und stand genau gegenüber der Sturmiuskirche auf der anderen Straßenseite. Zuvor hatte man in den Baracken Kriegsgefangene untergebracht, die in den Betrieben in der Umgebung gearbeitet haben. Nach den Herbstferien sollte der Unterricht in der neuen Schule beginnen. In den Ferien gab es allerdings ein heftiges Gewitter, bei dem die neue Schule von einem Blitz getroffen wurde und abbrannte. Herr Arnold rannte mit seinen Freunden in die Richtung der Schule und beobachtete von der Edelzeller Brücke aus den Brand. Von dem Schulgebäude ist nichts übriggeblieben, weshalb es zusätzlich zu den regulären Ferien noch vier weitere Wochen Ferien gab, zur Freude der Schüler. Im Herbst 1947 fand schließlich die Versetzung in die dritte Klasse statt.

Die Sturmiusschule wurde in einer anderen Baracke eingerichtet, die sich auf dem Gelände der Firma Gies (Wachsfabrik) befand. Das Gelände war mit einer Mauer umgeben und durch das Eingangstor hindurch gelangte man zur Schule. Wenn die Schüler nach der Pause in das Gebäude hineinstürmten, hat aufgrund des Holzbodens alles gewackelt und geschaukelt. An der Sturmiusschule gab es weiterhin die Schulspeisung und die Klassen waren mit einer Größe von 30 Schülern viel kleiner. Zudem hatte man immer unterschiedliche Lehrer, also es gab nicht mehr einen einzigen Klassenlehrer. So gab es auch in jedem Fach einen anderen Lehrer, beziehungsweise Lehrerin. Es waren viele Lehrerinnen da, weil die Männer gefallen oder krank waren.

Ein besonderes Schuljahr

„Im dritten Schuljahr habe ich drei Halbjahreszeugnisse bekommen“. Da der Schuljahresbeginn allgemein von Herbst auf Frühling verlegt und das Schuljahr 1947/48 um ein Halbjahr verlängert wurde, erhielten die Schüler aller Klassen drei Halbjahreszeugnisse. Über das zusätzliche Halbjahr war Herr Arnold als Schüler nicht besonders glücklich: „Man wurde ein Stück zurückgeworfen und wir waren durch die späte Einschulung sowieso schon alte Schüler. Dieses Schuljahr war unendlich lang und nahm kein Ende“. In dieser Zeit wurden viele Ausflüge gemacht und die Klassen waren viel draußen unterwegs, es gab schließlich keinen Unterrichtsstoff mehr.

Die weiterführenden Schulen

Das Domgymnasium besuchte Herr Arnold im 5. und 6. Schuljahr und nach dem Umzug seiner Eltern die Bardoschule im Stadtteil Neuenberg bis zum Ende seiner Schulzeit nach dem 8. Schuljahr. 

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